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Bisher hielt sich Sebastian Coe – und damit die Spitze der IAAF – bedeckt. Ab heute müssen auch die Protagonisten der Leichtathletik-Welt zum Thema Sanktionen gegen die russische Leichtathletik Farbe bekennen.
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Russische Leichtathletik fürchtet Olympia-Ausschluss 2016
Am heutigen Freitagabend trifft sich das 27-köpfige Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF in Monte Carlo via Telekonferenz zu einem ersten Gipfel, um das weitere Vorgehen gegen den russischen Leichtathletik-Verband zu diskutieren. Die Russen bekommen davor die Möglichkeit einer ausreichenden Erklärung. Den im Raum stehenden Olympia-Ausschluss wollen die Russen dabei umgehen. Eines ist klar: Leicht wird sich das IAAF-Council eine Entscheidung nicht machen, denn der Druck auf IAAF-Präsident Sebastian Coe und seine Gefolgschaft ist enorm.
In der Fragestellung, welche Sanktionen und welche Verbesserungen es in Zusammenarbeit mit dem russischen Leichtathletikverband ARAF in Zukunft geben wird, ist besonders ein Aspekt für den Sportfan interessant. Dürfen russische Leichtathleten an den kommenden Olympischen Spielen von Rio den Janeiro teilnehmen? Denn genau das steht zur Diskussion, nachdem Richard Pound, Chefermittler der unabhängigen WADA-Kommission, welche knapp ein Jahr lang in Russland arbeitete, dies bei der Präsentation des WADA-Berichts zu Wochenbeginn gefordert hat.

Kontroverse Haltung

International gibt es kontroverse Reaktionen auf diesen Vorschlag. In zahlreiche Zustimmung – wie zum Beispiel auch vom US-amerikanischen Leichtathletikverband – mischen sich auch kritische und ablehnende Töne. Die hohen Entscheidungsträger üben sich im Vorfeld des Krisengipfels erst einmal in Diplomatie. WADA-Präsident Craig Reede bediente sich einer Metapher aus den Ballsportarten: „Der Ball liegt jetzt weit in der russischen Spielhälfte. Ich denke, dass es einen Willen gibt, den Russen zu helfen. Aber sie müssen zuerst zeigen, dass sie reformieren wollen, was über Jahre in diesem Land passiert ist.“ IAAF-Präsident Sebastian Coe hält sich bedeckt, hat aber eine leichte Tendenz zu einem Nicht-Ausschluss russischer Athleten bei den Olympischen Spielen 2016 angedeutet. Stark beobachtbar ist eine Tendenz, den riesigen und abscheulichen Dopingskandal klein zu reden – und das nicht nur auf russischer Seite. Reedie soll in einem Interview mit der Londoner Tageszeitung „Evening Standard“ eine völlig unverständliche Aussage getätigt haben, mit der er die Einschätzung der WADA-Ermittler um Richard Pound zur russischen „Sabotage“ der Olympischen Spiele von London abgeschwächt hat.

Russen wehren sich gegen Kollektivstrafen

Viele internationale Leichtathleten fürchten bei einem Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes, dass alle Athleten über einen Kamm geschert werden und saubere Athleten darunter leiden müssen. Diese Töne kommen verstärkt auch aus der russischen Sportwelt. Einige der überführten russischen Sportler – wie Marathonläuferin Liliya Shobukhova – stellen die Athleten als unschuldige Gefangene des russischen Doping-Systems dar. Das Russische Olympische Komitee ROC appelliert in einer Aussendung an das Internationale Olympische Komitee IOC und die IAAF, die Rechte der sauberen Athleten zu respektieren. Offensichtlich geht in Russland aber die Angst um, dass das befürchtete Szenario durchaus im Bereich des Möglichen liegt. So schaffte es der Dopingskandal tatsächlich auf die Titelseiten der ansonsten gegen Interna eher unkritischen russischen Medien. Die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes, die „Komsomolskaja Prawda“ fordert: „Leider ist unser Sport krank. Wir müssen unsere eigenen gedopten Athleten bestrafen, unabhängig ihrer Verdienste.“

Nun hat sich auch endlich Russlands Präsident Vladimir Putin selbst zu Wort gemeldet. In Rahmen eines Treffens mit Sportfunktionären in Sochi hält Putin nichts von einem generellen Vorgehen: „Sportler, die nie etwas mit Doping zu tun hatten, sollten nicht die Verantwortung übernehmen müssen für andere, die die Regeln verletzt haben.“ Etwas drastischer äußert sich da schon Russlands in Kritik stehender Sportminister Vitaly Mutko: „Wer nicht des Dopings überführt wurde, sollte an Wettbewerben teilnehmen. Anders kann es nicht sein!“ Der 56-jährige, der auch im Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes FIFA sitzt und das Organisationskomitee der nächsten Weltmeisterschaften im Jahr 2018 leitet, will die „Ehre der Athleten“ verteidigen und wehrt sich nach wie vor gegen den Vorwurf, Bestechungsgelder an die IAAF bezahlt zu haben: „Es ist lächerlich zu behaupten, dass wir Sportler reinwaschen, wenn wir gleichzeitig Milliarden in den Anti-Doping-Kampf stecken.“ Vladimir Putin gibt sich besonnener und spricht sich für eine Aufklärung der dunklen Vergangenheit aus: „Solange unsere ausländischen Kollegen Zweifel haben, ist es notwendig dafür zu sorgen, dass keine Fragen offen bleiben.“

Sollte es für die russische Leichtathletik ganz dick kommen, und der Verband von den Olympischen Spielen 2016 ausgeschlossen werden, will Russland die Veranstaltung in Rio de Janeiro laut einer Aussage von Mutko nicht komplett boykottieren. Mikhail Butov, Generalsekretär des russischen Leichtathletikverbandes glaubt nicht, dass es so weit kommt. „Wir wissen unser Problem. Wir haben ein großes Problem mit Doping. Was wir machen müssen, ist das wir die Überzeugung unserer Trainer in den Regionen verändern. Die Isolation eines Verbandes ist kein guter Weg, wir sollten gegen jeglichen Ausschluss auf der höchsten Sportebene sein. Außerdem bin ich sicher, dass wir auch saubere Athleten haben.“

Streit um angeklagte Olympia-Sabotage

Der russische Sportminister liegt aktuell auch in einen Clinch mit dem Britin Jonathan Harris, Anti-Doping-Official bei den Olympischen Spielen von London. Dieser hatte öffentlich geschimpft: „Wenn russische Athleten vor den Spielen 2012 systematisch und individuell getestet wurden, hätten viele von ihnen bestraft werden müssen und wären in London gar nicht am Start gewesen.“ Mutko reagierte erbost: „Ich höre, Olympia-Medaillen müssen russischen Athleten weggenommen werden. Das britische System der Dopingkontrollen war aber intakt, jeder Medaillengewinner wurde getestet.“

Russland erklärt sich
Am Freitag bekommt Russland die Möglichkeit, vor dem IAAF-Krisengipfel die Ereignisse im russischen Sport ausführlich zu erklären. Einen Bericht hat der russische Verband der IAAF bereits zukommen lassen. „Wir werden in einigen Punkten mit der Ansicht der WADA einstimmen. Aber wir müssen auch darauf hinweisen, dass all diese Fehler unter der alten Führung des russischen Leichtathletikverbandes passiert sind“, gab der russischer Verbandspräsident Vadim Zelichenok eine unpräzise und schwammige Vorschau seiner Strategie. Aleksandr Zhukov, Präsident des Russischen Olympischen Komitees ist zeitgleich für eine Erklärung beim IOC in Lausanne präsent.

Russische Bank beendet Sponsoring

Eine der zahlreichen offenen Fragen ist auch die wirtschaftliche Konsequenz des Dopingskandals. Eine erste Episode gibt es bereits zu berichten: Die russische Band VTB, bisher eine der sieben offiziellen Werbepartner des Leichtathletik-Weltverbandes, wird die Partnerschaft mit der IAAF nicht verlängern. Der Kontrakt läuft Ende des Jahres 2015 aus.
Text: SIP / TK
Foto: Getty Images for IAAF