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Sisay Lemma war der gefeierte Sieger beim Vienna City Marathon 2015.
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Äthiopier wollen Durststrecke in Frankfurt beenden
Seit 31 Jahren hat kein Äthiopier mehr den Frankfurt Marathon gewonnen. Selten standen die Chancen so gut wie in diesem Jahr, wo mit Bazu Worku und Sisay Lemma die Favoriten aus Äthiopien kommen. Das breite Elitefeld des Frankfurt Marathon 2015 ist ausgelegt auf eine bestmögliche Leistung des deutschen Rekordjägers Arne Gabius.
Es ist wahrlich eine schwierige Aufgabe selbst für einen Marathon wie den Frankfurt Marathon, Jahr für Jahr ein von Weltklasse geprägtes Elitefeld aufzustellen. In direkter Konkurrenz zu den World Marathon Majors von Berlin, Chicago und New York sowie europäischen Marathongrößen wie Amsterdam oder Eindhoven ist die Auswahl natürlich beschränkt. Die Siegerliste des Frankfurt Marathon ist aber ein Beweis dafür, dass die Elite gerne in die europäische Finanzmetropole kommt und das ist in diesem Jahr nicht anders, auch wenn der ganz große kenianische oder äthiopische Name fehlt.

Konzentration auf Gabius
Das liegt auch daran, dass der Frankfurt Marathon eine andere Herangehensweise wählt. Als Austragungsort der Deutschen Meisterschaften und mit Arne Gabius, dem aktuell besten heimischen Marathonläufer im Feld, hat der Veranstalter den Fokus gänzlich auf den 34-Jährigen gelegt, der im Idealfall einen neuen deutschen Rekord laufen möchte. Und für diesen Plan gibt der Frankfurt Marathon dem ehemaligen Vize-Europameister über 5.000m seine vollste Unterstützung. Das Elitefeld ist maßgeschneidert für Gabius: Keine ganz großen Namen, die ihm die Aufmerksamkeit der Medien stehlen könnten und für die Renngestaltung zu prominente Wünsche äußern. Dafür ein außergewöhnlich breites Spitzenfeld mit gleich zwölf Läufern mit einer Bestleistung von unter 2:10 Stunden, zwei weiteren mit einem Hausrekord von 2:10:01 Stunden. Der Hintergrund dieser Konstellation ist offensichtlich: Man will Gabius ein Spitzenfeld bieten, das ihn so lange wie möglich bei seinem Ziel unterstützt. Und das hat der Deutsche offensiv formuliert: nationaler Rekord.

Selbstbewusst und optimistisch
Der deutsche Rekord von Jörg Peter liegt bei einer Zeit von 2:08:47 Stunden und wurde seit 27 Jahren nicht verbessert. Bei seinem bisher einzigen Marathon – im vergangenen Jahr in Frankfurt – lief Gabius eine Zeit von 2:09:32 Stunden. 12 Monate später geht er mit ausgesprochen viel Selbstvertrauen und demonstrierter Überzeugung an die Aufgabe heran. Der Rennplan wurde exakt mit ihm besprochen, eine Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:03:30 Stunden ist ganz im Sinne des Deutschen, der nach eigener Aussage eine Zeit von 2:07:20 Stunden anstrebt – also neuer deutscher Rekord mit knapp eineinhalb Minuten Vorsprung. Dass Gabius die Marke von Peter unterbieten kann, ist glaubwürdig und wird von guten Ergebnissen im Vorfeld und einer laut eigener Aussage tadellosen Vorbereitung gestützt. „Ein solches Rennen wird mir wahrscheinlich nie wieder präsentiert“, weiß Gabius einerseits über die hohe Erwartungshaltung und andererseits um die einmalige Chance Bescheid.

Äthiopische Favoriten
Auch wenn festgehalten werden muss, dass das Frankfurter Elitefeld der Herren ideale Rahmenbedingungen für Arne Gabius und seine Ziele darstellt, im breiten Elitefeld steckt auch reichlich Klasse. Dass Gabius den Frankfurt Marathon 2015 als erster Deutscher seit Michael Fietz 1997 gewinnt, ist selbst wenn ihm alles nach Wunsch aufgeht, äußerst unwahrscheinlich. Die Favoriten auf den Sieg kommen dieses Mal aus Äthiopien und wie vor jedem großen internationalen Marathon gebührt sich ein Blick in die Geschichtsbücher, wie sich das Gleichgewicht zwischen kenianischen und äthiopischen Erfolgen darstellt. Beim Frankfurt Marathon liefert diese Frage eine besondere Überraschung. In 34 Jahren Frankfurt Marathon hat erst einmal ein Äthiopier das Rennen gewinnen können und das war in der Urzeit der Veranstaltung 1984 Dereje Nedi, der Afrikameister von 1988. Diese beachtliche Serie wollen vor allen Dingen Bazu Worku und Sisay Lemma beenden. Worku ist der einzige im Feld, der bereits unter 2:06 Stunden gelaufen ist. Der ehemalige (inoffizielle) Junioren-Weltrekordhalter (Worku lief als 18-Jähriger beim Paris Marathon 2009 eine Zeit von 2:06:15 Stunden) stand in seiner Anfangszeit bei international hochkarätigen Marathons auf dem Podest, in den letzten Jahren feierte er bei kleineren Marathons seine ersten Siege. Eine Besonderheit: Bazu Worku ist auf dem linken Auge sehbehindert. Obwohl Sisay Lemmas Bestleistung fast zwei Minuten langsamer ist, könnte der 24-Jährige der aussichtsreichste Kandidat im Rennen sein. Denn im Gegensatz zu Workus Formkurve zeigt jene von Lemma steil nach oben: Zu Saisonbeginn lief er in Dubai eine Bestleistung von 2:07:06 Stunden, womit er drei Sekunden vor Worku ins Ziel kam, im April feierte er beim Vienna City Marathon als Solist einen beeindruckenden Sieg. Wäre er nicht die letzten 15 Kilometer auf sich allein gestellt gewesen, wäre eine deutlich bessere Zeit von 2:07:31 Stunden möglich gewesen. Diese will Lemma nun in Frankfurt nachholen.

Kenianer in Außenseiterrolle
Ohne nachzuschlagen ist die folgende Frage wohl nur für wahre Marathon-Experten beantwortbar: Wer war der letzte nicht-kenianische Sieger beim Frankfurt Marathon? Pavel Loskutov aus Estland im Jahre 1999. Nach imposanten 15 Siegen für Kenia in Folge, darunter die Stars Wilfred Kigen, mit drei Siegen Rekordsieger, Wilson Kipsang, Doppel-Sieger und Streckenrekordhalter, sowie Patrick Makau gehen die Kenianer in diesem Jahr als Herausforderer ins Rennen. Die aussichtsreichsten Kandidaten, die kenianische Siegesserie fortzusetzen, sind Philip Kimutai, Micah Kogo und Alfers Lagat. Die Zielsetzung von Philip Kimutai ergibt sich aus seiner Vergangenheit. Zweimal war er in Frankfurt bereits Vierter, heuer soll das erste Podest her. Die Chancen dafür stehen gut. Obwohl Kimutai keinen seiner bisher 18 Marathons gewinnen konnte, überzeugt der 32-Jährige mit einer beeindruckender Konstanz an Spitzenergebnissen über die letzten Jahre. Unter anderem erzielte er beim Vienna City Marathon 2014 den dritten Platz. Der 29-jährige Kogo, ehemals sehr erfolgreich auf der Bahn mit einer Olympischen Bronzemedaille über 10.000m (Peking 2008) und anschließend ehemaliger Weltrekordhalter im 10km-Straßenlauf, steht bei einer Marathon-Bestleistung von 2:06:56 Stunden. Trotz seiner 29 Jahre ist Alfers Lagat ein unroutinierter Marathonläufer, dessen Potenzial aber gleich bei seinem Debüt mit Rang drei beim Eindhoven Marathon 2014 offensichtlich wurde. Seine Halbmarathonbestleistung von 1:00:33 Stunden, gelaufen zu Jahresbeginn in Venlo, ist ein Indikator für die Fähigkeit, in Frankfurt erstmals unter 2:06 Stunden laufen zu können. Ein weiterer, in Österreich bekannter Kenianer im Feld ist Anthony Maritim, der im vergangenen Jahr den Köln Marathon und im Frühjahr den Linz Marathon in persönlicher Bestleistung von 2:09:39 Stunden für sich entscheiden konnte.

Über 15.000 Marathonstarter
Ein spannendes Rennen erscheint angesichts dieser Konstellation im Elitefeld der Herren garantiert. Den Spannungsbogen hat Arne Gabius mit seinen offensiven Aussagen ohnehin straff gespannt. Und auch die Quantität stimmt, über 15.000 Läuferinnen und Läufer werden am Sonntag in der Mainmetropole auf die bekannt schnelle 42,195 Kilometer lange Strecke gehen.

Frankfurt Marathon
Text: SIP / TK
Foto: VCM / photorun