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Der kenianische Verband fordert u.a. von den Olympia-Medaillengewinner von London Wilson Kipsang und Mary Keitany (hier beim Halbmarathon in Olmütz 2015) nach ihren Auftritten beim New York City Marathon eine ungewöhnlich kurze Regenerationsphase bis zu den kenianischen Olympia-Trials im Februar.
NEWS
Verwunderung über Ankündigung von kenianischen Olympia-Trials
Der kenianische Leichtathletik-Verband Athletics Kenya hat jüngst nationale Vorausscheidungen für den Olympischen Marathon von Rio de Janeiro angekündigt. Einen Datums-Vorschlag gibt es, aber keinen Austragungsort. Doch nicht nur das sorgt international für Verwunderung und kritischen Äußerungen gegen Athletics Kenya.
Gewissheit herrscht aktuell über nichts, außer, dass der kenianische Leichtathletik Verband Athletics Kenya tatsächlich dazu entschlossen ist, nationale Vorausscheidungen für den Olympischen Marathon auszutragen und seinen Olympia-Startern danach internationale Starts untersagt. Während keiner der Stars bisher öffentlich auf diese Ankündigung reagiert hat, überwiegt international die Verwunderung über den Zeitpunkt dieser Maßnahme.

Trials wohl am 14. Februar
Am 14. Februar sollen die Olympia-Trials über die Bühne gehen, ein Austragungsport steht noch nicht fest. Die Idee, Olympia-Trials zu veranstalten scheint angesichts der Anzahl der starken kenianischen Läufer keine schlechte zu sein, zum Beispiel laufen auch die US-Amerikaner Olympia-Trials (beim Los Angeles Marathon im Februar, Anm.). Ein faires Selektionsverfahren ist garantiert, gegen eine organisierte, umfassende Vorbereitung nach den Trials gibt es ebenso nichts einzuwenden.

Ein absolutes No-Go ist allerdings der Zeitpunkt der Ankündigung, nämlich gerade einmal vier Monate vor dem Wettkampf. Die kenianischen Spitzenathleten verfolgen sicherlich bereits seit spätestens Jahresbeginn 2015 einen strikten Trainings- und Wettkampfplan, welcher auf die Olympischen Spiele in Rio 2016 ausgerichtet ist. Diesen können sie nun über den Haufen werfen. Hätte man die Trials bereits vor einem oder zwei Jahren festgelegt, hätte man den Athleten eine faire Chance gegeben, sich darauf vorzubereiten und einzustellen. Angesicht der Kürze der Zeit bis hin zu den Trials scheint die Ankündigung eine lächerliche Schikane für die Stars, von denen der kenianische Verband Olympische Erfolge fordert. Denn Marathon-Erfolge bei Olympia sind in Kenia eine nationale Angelegenheit, der der Verband mit aller Macht nachkommen will, mit derartigem Vorgehen aber möglicherweise eher gefährdet als fördert.

Alle Titelträger der letzten Jahre absolvierten Frühjahrs-Marathons
Durch die Installierung der Trials reagierte Athletics Kenya laut eigenen Angaben auf die schlechten Resultate bei den letzten Weltmeisterschaften und möchte seinen Olympia-Startern damit die Möglichkeit geben, sich gezielt vorzubereiten, ohne einen hochkarätigen Frühjahrsmarathon zu laufen. Zu Punkt eins: Dass die kenianische Nationalmannschaft bei den letzten beiden Weltmeisterschaften jeweils klar ohne Edelmetall blieb, ist in der Tat eine vom Verband kaum tolerierbare Blamage, besonders wenn man bedenkt, dass in Peking Wilson Kipsang und Dennis Kimetto an der Startlinie standen. Doch ob Athletics Kenya mit den kurzfristig anberaumten Trials die richtige Maßnahme zieht, scheint zumindest nach einem Blick in die Statistik fraglich. Denn die letzten acht Marathon-Weltmeister Ghirmay Gebreslassie (2015), Stephen Kiprotich (2013), Abel Kirui (2009 und 2011), Mare Dibaba (2015), Edna Kiplagat (2011 und 2013) sowie Bai Xue (2009) absolvierten vor ihrem Triumph jeweils einen großen internationalen Marathon im April. Auch Samuel Wanjiru, der mittlerweile verstorbene Olympiasieger von 2008, war davor im April im Einsatz, dasselbe gilt für die Olympiasiegerinnen Constantina Dita (2008) und Tiki Gelana (2012). Stephen Kiprotich lief vor seinem Olympiasieg in London im Februar den Tokio Marathon.

Zu Punkt zwei: Die kurzfristige Ankündigung der Trials ist ein schwerer Nachteil für all jene Läufer, die im Spätherbst noch im Einsatz sind. Denn während beispielsweise Eliud Kipchoge bereits seit knapp vier Wochen regeneriert, ist Wilson Kipsang am nächsten Wochenende beim New York City Marathon im Einsatz. Die Zeitspanne zwischen dem New York City Marathon und den kenianischen Trials beträgt 106 Tage. Die Zeitspanne zwischen dem London Marathon 2016 und dem Olympischen Marathon beträgt übrigens 120 Tage – also zwei Wochen mehr (für die Damen: 113 Tage, eine Woche mehr). Sprich: Der kenianische Verband, der eine längere Regenerationszeit zwischen Trials und Olympia anstrebt, fordert von einigen seiner größten Olympia-Hoffnungen wie Kipsang oder Mary Keitany nun vor den Trials eine kürzere Regenerationszeit als jene zwischen Frühjahrs-Marathon und Olympia. Dabei bedenke man: Sind bei den Kenya Trials der Großteil der international erfolgreichen Kenianer am Start, kann man davon ausgehen, dass die Konkurrenz bei der nationalen Vorausscheidung in der Breite größer ist als bei den Olympischen Spielen selbst!

Große finanzielle Einbußen
Eines kann als gesichert angesehen werden, auch wenn noch keiner der Stars an die Öffentlichkeit gegangen ist – wohl aus taktischen Gründen: Dass es intern rumoren muss, liegt auf der Hand. Das Verbot als Olympia-Starter bei einem Frühjahrs-Marathon zu starten, ist aus finanzieller Sicht eine Katastrophe. Sprich: Die Stars müssen auf 50% ihrer jährlichen Einkommen (unabhängig von Werbeeinahmen) freiwillig verzichten. Worauf sich die Frage stellt: Warum trägt der kenianische Verband die Trials als separates Rennen aus, wozu er anscheinend tendiert? Eine alternative Möglichkeit wäre es, die Trials bei einem großen internationalen Marathon zu veranstalten. Im Februar würde sich der Tokio Marathon als Finale der diesjährigen World Marathon Majors bestens anbieten. Davon hätten die Athleten etwas, da sie neben den Startplätzen für Rio auch um Antritts- und Preisgelder kämpfen können (einige zudem um den lukrativen WMM-Gesamtsieg) und zumindest einem großen Frühjahrs-Marathon wäre bei der Besetzung der Elitefelder geholfen. Kenianische Trials bei großen Marathons wäre übrigens keine Neuerfindung, denn das gab es in der Vergangenheit bereits. Außerdem wäre ein Marathon in der kenianischen Höhe als Qualifikationsrennen für ein Olympisches Rennen auf Höhe des Meeresspiegels ungewöhnlich.

Werden die Trials zur Farce?

Aufgrund der kurzfristigen Ankündigungen stellen sich nun mehrere Fragen: Hat der kenianische Verband den Zeitpunkt so gewählt, um die WM-Starts von Kimetto und Kipsang nicht zu gefährden (was aufgrund deren Leistung rückblickend ohnehin eine unglückliche Entscheidung war)? Denn im Wissen, auf einen Frühjahrs-Marathon 2016 verzichten zu müssen, hätten beide wohl die WM sausen lassen und sich auf einen lukrativen Herbst-Marathon 2015 konzentriert. Zweitens: Obwohl alle kenianischen Stars auf einen Olympia-Start hinarbeiten und unbedingt dabei sein wollen: Sollte es so kommen wie skizziert, kann man gespannt sein, ob der ein oder andere Hochkaräter auf die Trials freiwillig verzichtet, zu Gunsten großer Chancen, einen prestigeträchtigen internationalen Marathon zu gewinnen, wenn dort dann alle anderen Kenianer fehlen. Besonders für jene, die befürchten, dass drei bessere bei den Trials starten, könnten diese Option ziehen, was die Qualität des Trials-Feldes gefährden könnte.
Text: SIP / TK
Foto: SIP / René van Zee