Member Area
Benutzer:
Passwort:
Gratis anmelden
Aberu Kebede (l.), Gladys Cherono und Anna Hahner (r.) bei der Pressekonferenz vor dem Berlin Marathon am kommenden Sonntag.
NEWS
Berlin-Debütantin Cherono fordert zweifache Siegerin
Die kenianische Weltmeisterin im Halbmarathon will in ihrem ersten zweiten Marathon die Hattrick-Pläne der Äthiopierin Aberu Kebede, die 2010 und 2012 in der deutschen Hauptstadt triumphiert hat, zunichte machen. Bei ihrem Marathon-Debüt im Januar hat Gladys Cherono ihre Fähigkeiten auf beeindruckende Art und Weise unter Beweis gestellt. Mit Anna Hahner und Maja Neunschwander wollen auch zwei deutschsprachige Läuferinnen dem Berlin Marathon 2015 den Stempel aufdrücken.
Eigentlich hätte Gladys Cherono bereits im Vorjahr beim Berlin Marathon ihr Debüt über die Traditionsdistanz geben sollen, doch eine Verletzung verhinderte ihren Auftritt damals. So verlief die Geschichte anders, die heuer abwesende Tirfi Tsegaye gewann und Cherono nahm im Januar beim pfeilschnellen Dubai Marathon ihren nächsten Anlauf. Und die Premiere am Persischen Golf hätte beinahe die Konturen eines Märchens angenommen. Bis zur Zielgerade zwang die 32-jährige Kenianerin ihre äthiopische Rivalin Aselefech Mergia zur Topleistung und Mergia konnte sich mit einer Sekunde Vorsprung zum Sieg retten. Doch Cheronos Leistung von Dubai, eine Zeit von 2:20:03 Stunden, ging in die Geschichte des Marathons ein: Nur zwei Marathonläuferinnen waren bei ihrem Debüt jemals schneller als die Vize-Weltmeisterin von Moskau 2013 über 10.000m.

Erstmals unter 2:20?
Diese furiose Premiere spülte Gladys Cherono auf Rang drei der Weltjahresbestenliste, die sich seit Januar auf den Spitzenplätzen nicht verändert hat, und an die Spitze der Meldeliste für den Berlin Marathon, der erstmals seit 2011 wieder eine Siegerzeit unter 2:20 Stunden anstrebt. Das gelang in Berlin letztmalig übrigens 2011 beim Sieg der Kenianerin Florence Kiplagat. Die Zielsetzung für Berlin formulierte Cherono punktiert und klar: „Ich will Bestzeit laufen!“ „Ich bin sehr gut vorbereitet. Es ist ein starkes Feld am Start und ich habe gehört, die Strecke ist ähnlich schnell wie in Dubai. Ich hoffe, dass ich gewinnen kann“, so die Trainingspartnerin von Mary Keitany weiter. In Dubai hat die amtierende Weltmeisterin im Halbmarathon angedeutet, dass sie die richtige Besetzung dafür ist, allerdings ist die Kenianerin noch sehr Marathon unerfahren – ein großer Trumpf der stärksten Rivalin Aberu Kebede. „Ich plane, erstmals unter 2:20 Stunden zu laufen. Ein dritter Sieg hier wäre fantastisch“, setzt sich die Äthiopiern hohe Ziele. „Ich liebe es, in Berlin zu laufen. Die Fans sind fantastisch und die Strecke ist superschnell.“

Duell zweier unterschiedlicher Läuferinnen
Viele Gemeinsamkeiten haben die beiden großen Gegenspielerinnen beim Berlin Marathon 2015 nun wahrlich nicht. Die Kenianerin kam als Straßenläuferin (10 Kilometer und Halbmarathon) nach Europa, fiel aber nicht durch Spitzenleistungen auf. Deshalb legte sie ein Intermezzo auf der Bahn ein und feierte beachtliche Erfolge, ehe nach der WM in Moskau der Wechsel zurück auf die Straße erfolgte und der Erfolgslauf Cheronos auf den langen Distanzen seinen Anfang nahm. Im Halbmarathon zählt Cherono als neuntschnellste Läuferin aller Zeiten und amtierende Weltmeisterin bereits zur absoluten Weltklasse, im Marathon steht sie einen Schritt davor.

Die Äthiopierin konzentrierte sich recht früh auf die Straße und blickt auf eine reichhaltige Erfahrung insbesondere im Marathon zurück. Bereits 15mal hat sie die 42,195 Kilometer im Rahmen eines internationalen Top-Marathons absolviert und ist dabei – ausgenommen die zwei WM-Rennen 2011 und 2013 – nie über 2:27 Stunden gelaufen. Ein beachtlicher Nachweis an Konstanz. Die Erfolge sind beeindruckend: Zwei Siege beim Berlin Marathon, einen beim Rotterdam Marathon 2010, die beiden Erfolge 2013 in Tokio und Shanghai und der Triumph im Vorjahr in Frankfurt. In Berlin reüssierte die zweifache WM-Teilnehmerin 2010 im strömenden Regen – das einzige Mal in den letzten Jahren, dass in Berlin schlechtes Wetter herrschte – in einer Zeit von 2:23:58 Stunden, zwei Jahre später bei besten Bedingungen und mit gewöhnungsbedürftiger Haarpracht in ihrer immer noch gültigen persönlichen Bestzeit von 2:20:30 Stunden. Die Erfahrung und die Erfolge sprechen also klar für Kebede, dafür hat Cherono das bisher einzige direkte Duell gewonnen. Während die Kenianerin in Dubai beim bisher mit Abstand schnellsten Marathon des Jahres als Zweite ins Ziel kam, musste sich Kebede mit Rang fünf zufrieden geben. Die einzige Gemeinsamkeit der beiden: Sowohl Cherono als auch Kebede, die drei Jahre jünger ist, haben im laufenden Kalenderjahr erst einen Marathon absolviert, nämlich den in Dubai, was besonders für die als Vielläuferin bekannte Äthiopierin erstaunlich ist.

Der Hattrick zum Rekord
Alles andere als ein Duell um den Sieg zwischen Gladys Cherono und Aberu Kebede, die bei einem Erfolg wie Uta Pippig aus Deutschland und Renata Kokowska aus Polen im vergangenen Jahrhundert den Berlin Marathon zum dritten Mal gewinnen und damit den Rekordsieg egalisieren könnte, wäre eine Überraschung. Die einzige verbliebene Läuferin im Elitefeld, der diese Überraschung zuzutrauen ist, ist Meseret Hailu. Ihren einzigen Marathon auf Weltklasse-Niveau hatte die damals 22-Jährige 2012 in Amsterdam gezeigt, als sie in einer Zeit von 2:21:09 Stunden überraschend triumphierte. Nur zwei Wochen davor hatte sie sensationell die Goldmedaillen bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften im bulgarischen Kavarna geholt und ist damit die Vorgängerin Cheronos. Nach zwei schwierigen Folgejahren brachte ein Sieg beim Hamburg Marathon im Frühjahr die Äthiopierin, die wie ihre Landsfrau Kebede in Addis Abeba lebt und außerhalb der Stadt trainiert, wieder zurück auf die Siegerstraße.

Nemec als schnellste Europäerin
Weitere starke Äthiopierinnen im Rennen sind Tadelech Bekele, im Vorjahr bei ihrem Marathon-Debüt in Berlin Vierte und heuer Siebte in Dubai, und die in Deutschland lebende Fate Tola, die bereits zweimal den Vienna City Marathon gewinnen konnte. Nach einer Babypause feierte sie heuer in Wien eine unspektakuläre Rückkehr, weswegen die Frage nach ihrer Leistungsfähigkeit großen Spekulationsraum bei der Antwort bietet. Aus Japan sind Eri Hayakawa und Tomomi Tanaka dabei. An die japanische Siegesserie in Berlin zwischen 2000 und 2005 werden die beiden allerdings nicht anknüpfen können. Die schnellste Europäerin laut Meldeliste ist Lisa Nemec, die 2013 in Zürich und 2011 in Linz gewinnen konnte. Ihr bestes WMM-Ergebnis ist ein neunter Platz beim Berlin Marathon 2010, als die in den USA geborene Kroatin zum letzten Mal in der deutschen Hauptstadt weilte.

Spitzenplatz als Sprungbrett für Rio
„Der Berlin Marathon ist stimmungsmäßig unschlagbar. Auf der kompletten Distanz von 42,195 Kilometern stehen Zuschauer, die die Läufer anfeuern und ihnen zujubeln. Der krönende Abschluss ist die Zielgerade durch das Brandenburger Tor. Das ist ein absolutes Gänsehaut-Feeling, plötzlich ist das riesige Bauwerk vor einem und man fühlt sich selbst so klein. Gleichzeitig weiß man, dass man was Großes vollbracht hat, nämlich einen Marathon gelaufen zu sein.“ Dieses Zitat stammt von Anna Hahner und unterstreicht, dass es an Motivation bei ihr nicht mangeln wird. Im vergangenen Jahr hat sie den Berlin Marathon erfolgreich absolviert und in einer Zeit von 2:26:44 Stunden einerseits eine neue persönliche Bestleistung markiert, andererseits mit dem fünften Platz für ein Spitzenresultat gesorgt. Damit ergeben sich auch bereits die beiden Ziele für heuer. Ob die 25-Jährige ihren Hausrekord verbessern kann, scheint fraglich: Die bisherigen Saisonauftritte in Wien, wo sie 2014 triumphierte und damit ihren bisher größten Erfolg feierte, und in Rio de Janeiro, wo sie in einer Zeit von 2:38:42 Stunden Zweite wurde, waren in Ordnung, aber nicht berauschend. „Ich bin fit und fühle mich superstark“, entgegnete die 25-Jährige derartigen Sorgen. Die Möglichkeit, den fünften Platz aus dem Vorjahr zu steigern, ist aufgrund des hinter Cherono und Kebede nicht allzu stark besetzten Feldes an einem guten Tag durchaus gegeben. Und ein Spitzenresultat in Berlin wäre eine hervorragende Basis auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro, wo die beliebte Deutsche gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Lisa erstmals im Trikot der deutschen Nationalmannschaft laufen möchte. Die sportliche Qualifikation ist noch nicht in trockenen Tüchern, denn der DLV fordert Zeiten unter 2:28 Stunden, während die internationalen Normen der IAAF fünf Minuten darüber liegen.

Neuenschwander nimmt Schweizer Rekord ins Visier
Mit ihrem Sieg beim Vienna City Marathon 2014 hat Maja Neuenschwander erst vor wenigen Monaten den größten Erfolg ihrer Karriere gefeiert. In Berlin soll nun der nächste Schritt erfolgen, nämlich eine Verbesserung ihrer eigenen persönlichen Bestleistung, die sie 2013 in einer Zeit von 2:29:42 Stunden gelaufen ist. „Alles darunter ist toll. Damit ich das schaffe, ist es wichtig, dass ich im Rennen cool bleibe und gar nicht zuviel nach links und rechts schaue“, gibt die erfahrene Schweizerin, die sich in der Höhe des Engadins auf den Berlin Marathon vorbereitet hat, die Marschroute vor. Dass die 35-Jährige über ein großes taktisches Geschick verfügt, hat sie heuer eindrucksvoll beim Vienna City Marathon unter Beweis gestellt. Und Neuenschwander ist sich bewusst, dass der Rennplan in Berlin ihr entgegen kommen könnte. „Es werden Läuferinnen dabei sein, die ich von der EM und aus Wien kenne. Einige von ihnen werden auf dieser schnellen Strecke eine Zeit im Bereich von 2:28 laufen wollen, das entspricht der deutschen Olympialimite“, weiß sie. Kann sie sich dieses Tempo zu Nutze machen und läuft alles nach Plan, scheint der Schweizer Rekord von Franziska Rochat-Moser (2:27:44 Stunden) nicht ganz außer Reichweite, auch wenn er satte zwei Minuten unter Neuenschwanders Bestzeit liegt. Den Berlin Marathon kennt die Bernerin sehr gut, zwischen 2006 und 2009 war sie bereits viermal am Start und erzielte vor sechs Jahren Rang neun.

Berlin Marathon
Text: SIP / TK
Foto: SIP / Johannes Langer